Gedichte

Im Folgenden sind einige Gedichte abgedruckt, die ich in den letzten Jahren geschrieben habe.


 Erst denken

 

Die Feindesliebe,

kann man sie denn leben?

Vielleicht nicht ganz,

aber sich selbstkritisch beleuchten:

Sind meine Worte hilfreich,

dem Frieden dienlich?

Muss ich mich überall

Dafür oder Dagegen stellen?

Ist immer anti- oder pro- gefragt?

Es scheint, dass unser Umfeld

dieses Denken düngt,

und damit Spaltung kultiviert.

Es wird schnell laut geschrien,

selten vernünftig diskutiert,

erwogen, wie wir wirklich

uns dem Frieden nähern,

statt neuen Hass zu schüren.


(Judith Weise, Januar 2024)





Brückwärts gehen

 

Die Brücke hab ich stets dabei,

ihr einladendes Bild in meinem Geiste fest verankert.

Und wenn die Fronten sich verhärten,

klappe ich sie aus,

versuch auf ihr

gedanklich über Gräben

zu gelangen.

Nicht immer glückt es mir,

doch auch Versuche

rechnet sie mir an.

Heraus aus Denkkapseln,

aus abgegrenzten Festen,

in weites, freies Land

will sie uns Menschen führen.

Sie hofft, dass sich dank ihr der Streit beruhigt,

die Sturheit weicht, auf beiden Seiten.

In viele Köpfe schleicht sie sich,

pflanzt Hoffnung ein auf hellen Frieden.

 

(Judith Weise, Februar 23)




Klimasünde

 

Besserwisser

retten nicht das Klima

                                                                                                          dieser Welt.

Kritiktaub ersticken sie

die Freiheit.

Erfahrungen, Bedenken,

ihres Gegenübers

leihen sie kein Ohr,

denn: sie haben recht.

 

(Oktober 23)

 






Traum

 

Schwerelos

mache ich Urlaub

von der Welt.

Ein Schwebeteilchen im All.

Vergessen sind die Lügner

und die Lügenfreunde,

die keinen Wunsch

nach Wahrheit

mehr verspüren.

Verschwunden

ist der Hass der Hetzer,

die Hässlichkeit

verzerrter Fratzen.

Frieden befreit das Herz,

erlöst die Last,

erleichtert Leib und Seele.

 

(Judith Weise, Oktober 2023)

 

 




Zentrifugalkraft

 

Die Fliehkräfte der Gier,

des Hasses, rauben uns

Mitte, Maß und Mut.

Schneller und schneller

scheint sich die Welt zu drehen,

bis schwindlig wir

nach Halt suchen,

wo keiner mehr zu finden ist.

Kein oben, kein unten,

kein Fixstern zeigt die Richtung,

kein Leuchtturm in der Brandung

zeigt den Weg.

Wir taumeln ohne Orientierung,

verwechseln Ursache und Wirkung,

gut und böse,

links und rechts.

Irrlichter zucken zynisch,

lachen höhnisch,

setzen anstelle von

Gesetzen der Physik

den Irrsinn unserer Zeit.

So suchen unsere Seelen

Im freien Fall ein Morgen,

wo Kompassnadeln ihre

Pole wiederfinden

Und unsere Füße

neuen Boden spüren.

(Judith Weise, Oktober 23)



Wer sät?

 

Die Nährstoffe sozialer Medien

bieten der Saat des Hasses

reichen Untergrund.

Er sprießt und keimt,

zur Freude vieler.

Man führt den Krieg,

den keiner haben will,

weltweit online

mit scharfer Munition.

Anmaßend sind die Urteile,

und demutsfrei die Schreie.

Denn jeder weiß ja,

was er wissen will,

postet und brüllt,

damit es alle hören.

Die Augen und die Ohren

wohlweislich fest

vor Einwänden verschlossen.

 

(Judith Weise, November 23)

 


Lehrmeister im Garten 

 

Hoffnung lernt man im November,

wenn im fahlen Tageslicht,

winzig klein die Knospen sprießen.

Kaum erkennbar rüstet sich,

jeder Baum dann für den Frühling,

träumt und stärkt sich,

dass er bald blütenprächtig uns erfreut.

Nach der Blüte kommt die Frucht,

wissen wir, was wir nicht sehen,

hoffen wir ertragsgewiss.

Hoffnung lernt man erst im Dunkel,

wenn die Welt kein Licht erhellt,

sprießen im Verborgenen

Blüten einer kalten Zeit.

Lernen so auch wir zu hoffen,

dass trotz Elend, Krieg und Not,

unterm Eis schon Blättchen wachsen,

angelegt für helle Tage.

Komm, du Frühling unserer Welt!

(Judith Weise, November 2024)